Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten sich zwei Tierhandelsunternehmen in Alfeld: die Firmen von Ludwig Ruhe und Carl Reiche. Alfeld, eine verhältnismäßig kleine Provinzstadt, entwickelte sich mit der Eröffnung der Hannöverschen Südbahn 1853 rasch zu einer regional bedeutenden Industriestadt. Von dort aus bauten die Firmen Reiche und L. Ruhe ein global agierendes Handelsnetzwerk auf, das zunächst Kanarienvögel aus der Harzer Region nach Nordamerika verschiffte und spätestens ab den 1860ern gezielt außereuropäische Wildtiere nach Europa importierte.

Das Deutsche Kaiserreich wurde um die Jahrhundertwende zum zentralen Umschlagplatz des globalen Tierhandels, angeführt von der Tierhandelsfirma Carl Hagenbecks. Zum Ende des 19. Jahrhunderts stand Reiche jener Carl Hagenbecks jedoch kaum nach und spätestens ab 1910, mit dem Aufkauf der Firma Reiche, avancierte Ruhe zu einem der führenden Tierhändler weltweit. Das Unternehmen Ruhe blieb darüber hinaus in verschiedenen politischen Kontexten bis 1993 als Firma aktiv und verwaltete über 40 Jahre den Hannoverschen Zoo. Dennoch ist die Geschichte beider Firmen verhältnismäßig unerforscht geblieben. So wissen wir wenig über die personellen wie institutionellen Beziehungen der Firmen. Genauso wenig ist über die Hauptrouten, die sie für den Import nutzten, bekannt und welches die zentralen Regionen des Tierfangs waren.

Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt möchte diese Wissenslücke mittels umfangreicher Kontextforschung schließen. Ziel ist es, die globalen Wege und Netzwerke zu eruieren, über die Reiche und Ruhe nicht nur Tiere, sondern mit ihnen auch Ethnographika und sogar Menschen aus den jeweiligen Herkunftsländern an verschiedene Orte und Einrichtungen in Europa brachten. Im Sinne einer globalen Mikrogeschichte werden die weitreichenden Verflechtungen des Tierhandels und seine Verbindungen zum Handel mit Ethnographica, aber auch mit Menschen für sogenannte „Völkerschauen“ untersucht.

Im Mittelpunkt dieser Kontextforschung stehen über 200 Tierpräparate, die sich heute im Besitz der Stadt Alfeld befinden und dort im städtischen Tiermuseum ausgestellt werden. Hinzukommen rund 100 ethnographische Objekte, die ebenfalls in Alfeld im Depot lagern. Ihre Verbindungen zu den Tierhandelsunternehmen sollen untersucht und die Objekte überdies in eine online abrufbare Datenbank eingespeist werden. Beides, sowohl Kontextforschung zu den Tierhandelsunternehmen als auch zur Sammlung, sollen langfristig helfen, die Provenienz der Zoologica und Ethnographika zu klären.

In Zusammenarbeit mit Vertreter:innen der Herkunftsgesellschaften wird im zweiten Jahr außerdem eine Veranstaltung organisiert, in dessen Mittelpunkt die Alfelder Tierhandelsunternehmen und ihre weltweiten Vernetzungen beziehungsweise die Provenienz der Tiere und Objekte stehen. Das Projekt ist auf Initiative des Alfelder Tiermuseums und des Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen entstanden und am Seminar Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen angesiedelt.

Kontakt:

Assoziierte Mitarbeiterin: Charlotte Hoes (Georg-August-Universität Göttingen)

Universitäre Betreuerin: Prof. Dr. Rebekka Habermas (Georg-August-Universität Göttingen)