Provenienzen von Tjurunga

Provenienzen von Tjurunga im Landesmuseum Hannover und in der Sammlung Hermannsburg

 

 

Im Mittelpunkt des Projektes stehen Tjurunga (geheim-sakrale Stein- und Holzobjekte der Aborigines Zentralaustraliens, die im Deutschen auch als Seelenstein bzw. -holz bezeichnet werden). Sie befinden sich heute im Landesmuseum Hannover und in der Sammlung des Evangelisch-Lutherischen Missionswerks in Hermannsburg und kamen wahrscheinlich im Laufe des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts von Australien nach Niedersachsen.
Das Projekt ist aus drei Gründen von exemplarischer Bedeutung: Erstens geht es um sogenannte secret-sacred objects (geheim-sakrale Objekte), die mit großer Sensibilität zu behandeln sind und besondere Handhabungsweisen erfordern. Diese sollen beispielhaft im Dialog mit den Herkunftsgesellschaften in Australien erarbeitet werden. Hier steht die Frage der genauen Provenienzbestimmung im Zentrum. Zweitens wird erstmals die Rolle der Missionare im Erwerb und Transfer von kolonialen Objekten in Bezug auf kolonialen Provenienzforschung betrachtet. Und schließlich haben die Tjurunga und die kulturellen Beobachtungen der Lutherischen Missionare die Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Anthropologie, Religionssoziologie und Psychoanalyse angeregt, womit sie exemplarische Objekte der Wissensverflechtung und einer shared history sind.
Die Bedeutung der Tjurunga für die Herkunftsgesellschaften ist weitgehend geklärt. Sie gelten bis heute als geheim-sakrale Objekte und dürfen nur von Männern gesehen, gehandhabt und besprochen werden, die in die geheimen Aspekte der entsprechenden Mythologien initiiert worden sind. Insofern sind sie auch von der Seite der Museen als sensible Objekte zu betrachten.
Mit dem Erhalt von Landrechten 1976 nahm auch die Forschung über die Traditionen der Aborigines an Bedeutung zu. Da die Tjurunga Auskunft über die Verbindung bestimmter Klans zu bestimmten Landgebieten geben können, erhielten diese Objekte in den folgenden Jahren auch eine juristische und politische Bedeutung. Seit den 1990er Jahren gibt es Bemühungen von Vertretungen der Aborigines, Zugang zu den Objekten in Museen zu erhalten und Tjurungas zu repatriieren. Auch intensiviert sich seitdem die Debatte, wie mit diesen sensiblen Objekten, die bis heute für Aranda identitätsstiftende Bedeutung haben, umgegangen werden soll.

Kontakt:

Projektbearbeiter: Olaf Geerken (Georg-August-Universität Göttingen)

Sammlung: Evangelisch-Lutherischen Missionswerks in Hermannsburg und Landesmuseum Hannover

Teilprojektleiterin: Prof. Dr. Rebekka Habermas (Georg-August-Universität Göttingen)